Liebe Bläser und Bläserinnen,

Nachdem Martin im letzten Hornbrief über Notengerechtheit und Interpretation geschrieben hat, möchte ich mich nun auch etwas dazu äußern. Martin ist ja als Hornmeister sehr genau und akribisch, ich aber  eher etwas bläserisch freier und daher ergeben sich häufiger mal zwei Farbnuancen, die die Beschäftigung mit der Jagdmusik aber erst reizvoll machen.

Aus besonderem Anlass nehme ich Gaston Chalmels Werk „Les Chasses Eternelles“ ins Visier. Das Stück wurde vom Bayerischen Jagdverband als Wahlpflichtstück für den Landesbläserwettbewerb 2018 in Dinkelsbühl ausgelobt, meiner Meinung nach eine etwas unglückliche Entscheidung, warum, das will ich im Laufe dieses Briefes darstellen.

Erst mal braucht man etwas Hintergrundwissen. Gaston Chalmel war Chorleiter der berühmten französischen Trompeformation „Le Débuché de Paris (DDP)" Débuché ist ein Begriff aus der Chasse a Courre, der französischen Parforcejagd zu Pferde auf den Hirsch, man könnte ihn mit dem „Aufstöberer oder Aufspürer aus Paris" übersetzen. Diese Jagd wir bis heute noch in Frankreich traditionell gepflegt.

Gaston Chalmel hatte für seine Gruppe 1945 eine völlig neue Messe de Saint Hubert geschrieben. Eine Handschrift dazu kursiert in Bläserkreisen als „Livret du DDP“. Leider wurde seine geniale Art, mit Stopftönen zu spielen, von den Hardlinern der Französischen Trompeföderation nicht gewürdigt aber das Erbe des DDP machen ihn unsterblich.

 

Es existieren glücklicherweise zwei Tonaufnahmen, einige ältere in Vinyl und eine modernere als CD. Diese Aufnahmen möchte ich gerne meinen folgenden Ausführungen zugrunde legen. Man kann davon ausgehen, dass die Interpretationen richtig, weil original sind daher braucht man nicht viel zu diskutieren.

Meiner Meinung nach gehören die „Chasses Eternelles“ zu den schönsten Stücken, die die Jagdmusik überhaupt zu bieten hat. Aber, beachte! Gaston Chalmel hat ursprünglich für die Trompe de Chasse in D geschrieben und daher muss man sehr viel mehr tun, als einfach die Noten aus der Literatur herzunehmen und diese notensklavisch- und wettbewerbsgerecht auf dem Parforcehorn in Es zu spielen. Dabei ginge musikalisch zu viel Substanz verloren, es erstickt in einem notengerechten Korsett.

Original Monographie von Gaston Chalmel aus dem „Livret du DDP“.
Die Akribie und Schönheit in der grafischen Gestaltung seiner Partituren ist wohl einzigartig.

 

Ein Stück für die Trompe - Kann man das auf dem Parforcehorn spielen?

 

Techniken für Interpretationen französischer Stücke

Der Klang:

Die Trompe (TC) wird ja mit einer stetigen Luftsäule im „Ton forté“ geblasen. Dadurch klingt sie viel weicher und sonorer als das Parforcehorn (PF). Die Töne haben mehr Timbre und immer mehr oder weniger Vibrato. Diesen weichen Klang können wir allerdings auf dem PF auch erreichen, wenn wir mit sehr viel mehr Luft als gewohnt blasen. Das Luftvolumen  ist proportional dem Klangvolumen  des Hornes aus, der Klang kann sich in über den Trichter den Raum entfalten.

Ein flach klingendes PF  in dem schönen Stück von Gaston Chalmel wäre eine Katastrophe. Die Trompebläser blasen ja ein Doppelvibrato (Zunge und Zwerchfell) das klingt aber bisweilen sehr ungewohnt für unsere Ohren. Das PF sollte sich mit einem leichten Naturvibrato begnügen. Vibrato ist bei den Fermaten obligat.

Gruppendynamik:

In der Musik unterscheidet man nicht ohne Grund verschiedene Dynamikstufen vom pp bis zum fff. Ich nenne diese differenzierten Stufen der Lautstärke “Einzeldynamik“, weil sie von jedem Horn einzelnen umgesetzt werden können. Durch den Ton forté tut gerade die TC sich hier schwer, bei der Dynamik scheint das PF tatsächlich überlegen.

Die französischen Gruppen bedienen sich da eines Kunstgriffes, der „Gruppendynamik“, in der Form, dass manche Stellen des Stücks wie Trio, Radoux nicht alle Bläser der Formation spielen sondern nur von einzelnen Bläsern als Quartett (besonders im Trioteil) vorgetragen werden. Diese Technik widerspricht dem "Chorischen Blasen" wie es von Reinhold Stief propagiert wurde. Der Klangteppich wird dadurch teils mächtig und dicht, teils aber dünner und lockerer und teils extrem reduziert, eben solistisch.

Durch die Reduktion ergibt sich ein sehr nuancierter Effekt. Die Stelle wird sofort emotional, durch das leise Spiel entsteht Spannung, es fordert vom Zuhörer Aufmerksamkeit.

Adjektive: Nachdenklich, traurig, animoso, religioso, cantabile, bien chanté. Die Trompebläser nennen es Radoux oder Radouci

Fulminant ist dann immer der Wechsel ins Tutti. Bezeichnungen wie tutti Allegro, Fanfare, Con brio, Trionfale, weisen darauf hin.

In Bezug auf die Dynamik sind die Chasses Eternelles (ChE) schon fast wieder eine Ausnahme in der Trompemusik. Das Spektrum reicht von ppp über pp, p, mf, f, ff bis zu fff. Das ist eine Besonderheit von Gaston Chalmel, der hier differenziert arbeitet. Die Dynamikstufen sind mit so kleiner Masche gestrickt, dass jede der Nuancen wichtig ist und jedes Detail musikalisch umgesetzt werden muss.

Stopftöne

Eine weitere Besonderheit sind die Stopftöne. Durch Abdämpfen mit der Hand im Trichter kann man die Tonhöhe leicht um eine Sekunde senken. Dadurch kann man ein a, h oder auch es blasen (siehe im Stück die Lentos). Es versteht sich von selbst, dass Stopfpassagen nur allein geblasen werden können, mit mehreren Bläsern gleichzeitig funktioniert das nicht. 

 

Das Rubato

Das Wort Rubato ist von „rubare“ d.h. „Rauben“ abgeleitet und bedeutet dass man von einer Note Zeitanteile wegnimmt und einer anderen zum Ausgleich wieder zuteilt, sozusagen seinen Raub gleich wieder zurückgibt. Damit ist das Metrum wieder ausgeglichen.

Es gibt zwei Varianten: Rubato kurz-lang oder auch Rubato lang-kurz.

Setzt man das zusammen  ab gibt es einen interessanten alternierenden Effekt.

Rubato ist ein Stilelement welches sich wie ein roter Faden durch die französische Folklore zieht und ist sowohl auf der TC wie auch auf dem PF spielbar.

Die Dehnung und Verkürzung  der Tonlängenwerte durchbricht den fixen vertikalen Rhythmus der Achtelgruppen und es ergibt sich eine Horizontalität in dem Notenfluss,einen Drang,  eine Welle nach vorne zur Fermate hin. Es ist wie eine neue Dimension in der Musik, die sich über die geschriebenen Noten legt. Beschäftigt man sich mit Trompe und/oder Jagdmusik gehen die Rubati in Fleisch und Blut über.

Durch das Durchbrechen der Vertikalität entwickelt sich sofort eine Leichtigkeit und Eleganz in der Musik. Die Achtelgruppen werden gerade von deutschen Gruppen häufig nähmaschinenartig geblasen, klingen wie das „gack-gack-gack“ von Hühnern, meist noch mit Betonung auf 1 und 4. Das steht zwar so in vielen Schulen für Trompete oder Flügelhorn, ist für ein französisches Stück aber völlig unakzeptabel. Duch das Rubato erhält die Musik schon ihren spezifischen Jagdmusikcharakter (Vénérieton)

Das Roulé

Roulé ist eine Verbindung zwischen mehreren benachbarten Tönen. Meist sind es Achtel, können aber auch Viertel oder halbe Noten sein. Roulé findet immer nur in der Abwärtsbewegung statt. Es verbindet Töne über die duolischen Grenzen im 4/4 Takt bzw.  über die Achteldreiergruppen im 6/8 Takt  hinweg. (Bass Takt 13 und 14 bzw. Takt 84 bis 87). Es durchbricht somit die Taktgrenzen im Lauf  unten. Die nächsten Achtel nach dem Roulé werden neu angestoßen.

Ton Beispiele sind die Roulés, die im Bass erfolgen (Takt 13) oder auch in den oberen Stimmen (Takt 51 Imperioso oder Takt 84 Presto) s.d..

Das Roulé ist ein sehr wirkungsvolles und mächtiges Stilelement für den Vénerieton und sowohl auf dem PF wie auch auf der TC gleichermaßen spielbar.

Der erste Ton des Roulés ist etwas verlängert und hat einen kleinen Stützimpuls (Tuu) der zweite Ton weicher (da). Die Verbindung ist aber kein Legato!!!!, das gibt es übrigens kaum in der französischen Jagdmusik, ersetzt es aber gerne bspw. in Takt 68 und 69.

Ich sage immer: Das Roulé ist die französische Bindung in der Jagdmusik.

Das Tayaut

Das Tayaut gilt als  der Inbegriff des Vénérietones, wird bisweilen aber von den Trompegruppen sehr übertrieben. Man versteht es am besten als Lautmalerei. Ursprünglich ist es ein Jagdschrei ähnlich dem "Horrido, Hallali  oder Tiro". Man stösst ihn aus, wenn das das Stück Wild, also der Parforce gejagte Hirsch gesichtet wird. Die Jäger oder Beobachter rufen dann laut "Ta-i-o". Bei der Trompe wird das –i als großes Tayaut manchmal bis zur Terz, wenn nicht zur Quarte hochgezogen.

Auf dem PF ist das Tayaut kaum spielbar ohne den Spielfluss zu zerreißen. Es ist eindeutig das Terrain der Trompe. Mit dem PF kann man aber auch ein sehr kleines, reduziertes Tayaut spielen, was in den meisten Fällen aber völlig ausreicht. (Takt 39 Fermo). s.d.

Die Bläser des DDP sind eher zurückhaltend mit dem Tayaut.

Das Tayaut hat eher einen trennenden Charakter und zieht im übernächsten Achtel ein kurzes und prägnantes Rubato Achtel (kurz und betont dann lang) „Ta(t)-Taa)" nach sich, das ist eine Rhythmusverschiebung, die sehr auffällt.

Es gibt etliche Versuche das Tayaut in Notenschrift darzustellen, es ist aber fast unmöglich.

Wenn ihr euch die Aufnahmen vom DDP oder auch von anderen Trompegruppen anhört und auf die Hilfsnotierungen in meinem Artikel achtet, werdet ihr verstehen, worum es geht. Einige Autoren (z.B. Cantin, Tyndare) notieren das Tayaut durch ein Mordentzeichen über der Note.Das muss man wissen, sonst führt das zu Verwechselungen mit dem Mordent.

Das Hourvari

Das Hourvari ist ein Glissando zu der ersten Note hin. Hier im Stück kommt es eigentlich nur zur ersten Achtel im Takt 51 Imperioso in Betracht. Siehe dort.

Begeben wir uns nun aber „medias in res“, zu dem Stück selbst.

 

Interpretationsbeispiel "Les Chasses Eternelles"

Es besteht eigentlich aus zwei Teilen, einem 4/4 Teil gefolgt von einem 6/8 Teil. Es ist mit „Sortie“ überschrieben. Das bedeutet, dass es für den Auszug, für das große Finale der Hubertusmesse geschrieben worden ist. Somit ist die Stimmung eindeutig festgelegt: majestätisch, glänzend, stolz, strahlend. Man muss beim Blasen richtig viel Luft geben mit viel Timbre und Sonorität schon von Anfang an. Alle Viertel haben ein < > notiert, also quasi mit einem sfz.

Tempo 110 also Marschtempo, Dynamik Fortissimo d.h., gruppendynamisch gesehen: „tutti, alle laut“.

Takt 1 bis 12

Die Duolenachtel in Takt 5 sind zwar kurz mit Staccatopunkten, trotzdem werden sie etwas verbundener gespielt. Wir haben einen Phrasierungsbogen von Takt 3 über 4 Takte.

Nun kommen aber schon die ersten nicht notierten Stilelemente: Takt 6 das Viertel auf Schlag 3. Es wird vom DDP schon als Coupé (abgeschnitten) gespielt, das verkürzt und betont, wohl in Reminiszenz an die trockenen Achtel „sec“ Takt 31 Bass.

Tonbeispiel 1_DDP.mp3 

Tonbeispiel 1_PF

Takt 13 bis 28

„Allegretto scherzando“ 

Die Töne und der Charakter ändern  sich sofort   und werden  weicher und verbundener. Es ist nur noch mf. und die Stimmung eher gesanglicher "Cantabile"

Gruppendynamisch kann man einige Bläser aus den führenden Stimmen rausnehmen oder die Einzeldynamik zwei Stufen zurückfahren. Der Klangteppich muss dünner werden.r

Die erste Stimme hat den Phrasierungsbogen wieder über 4 Takte. Sie rouliert auch die Halben in Takt 14,18, 20 und 22 und phrasiert dabei etwas ab. Echte Bindungen sind, obwohl sie hier notiert sind, eher unerwünscht.

Im Bass sieht man den mächtigen Effekt der Roulés. Er gewinnt vehement an Bedeutung. Neben den schlagzeugartigen Nachschlägen in Takt 16  sind es kräftige Roulés die über die gesamte Abwärtsbewegung hinweg auch über die Duolen hinaus gespielt werden.  Der Bass (3: Stimme)  wird ja auch deswegen als "melodischer Bass" bezeichnet, eine Beschreibung die durch das Spielen von  Roulés erst möglich wird. Die gestrichelten Linien sind aber keine Legatobindungen, sondern markieren hier Verbindungen. Hören sie sich dazu am besten die Musikdateien an. Diese Roules stellen einen Kontrapunkt zur Führungsstimme dar, ich würde schon von einer 40:20:40 Verteilung  der Stimmanteile sprechen.

Tonbeispiel 13_DDP

Tonbeispiel 13_FPBass 

Takt 29 bis 34

 

Danach kommt wieder Maestoso (A-B-A Form) mit einem fulminanten Ende,

den beiden trockenen Böllerschüssen im Bass: Couper avec Basse, sec

 

Tonbeispiel 34_PFBass

 

Takt 35 bis 55

Teil 2 von ChE ist völlig anders aufgebaut, ein 6/8 Takt.

Erinnern wir und an den Titel des Stücks „Les Chasses Eternelles“, es geht um die Jagd, genauer gesagt um die Vision der ewigen Jagd("gründe") nach dem irdischen Leben wie wir aus dem Vorspann entnehmen können. Szenen, Erinnerungen, Dramatik und Melancholie und alles in Horn.

Wer französische Trompemusik kennt, weiß, dass nun definitiv der „Ton de Venérie“, der Jagdmusikcharakter angesagt ist. Das steht natürlich nicht in den Noten.

Hier sind alle Stilelemente der französischen Folklore gefragt. (Rubato, Roulé, Tayauté und immer etwas Vibrato). Es geht etwas wild, drängend, galoppartig jagend zu aber immer auch mit Momenten der Besinnung und Verinnerlichung entsprechend dem Hubertusmotiv.

Nach einer Überleitung aus 4 Glockenschlägen (Cloche moderato) man beachte die Dynamik f->ff->p)) kommt im Takt 38 ein Ruf „fermo“.

Man kann das "Fermo" unmöglich im konventionellen 6/8 bringen, dann wirkt er nicht wie ein Ruf, sondern flach und unbedeutend.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Ruf zu gestalten.

1)  Takt 38 hat auf jeden Fall ein Rubato lang-kurz (Tu-da). Das rote Viertel kann man nun entweder  an das letzte Achtel von 38 an-ver-binden (dann-da) . Das erste blaue Achtel in 39 ist aber immer ein Auftakt zu dem  Rubato kurz-lang, mit einem sehr prägnanten und kurzen grünen Achtel (tatt) .

Tonbeispiel DDP mit Viertel in 39/1 38_DDP

Tonbeispiel PF mit Viertel in 39/1 38_PF

Diese Rubati verschmelzen die 4 Takte des Rufes zu einer Einheit. Der Ruf wiederholt sich in Takt 45 und 46

 

2) mit Tayaut

Das erste rote Viertel in 39 wir in zwei  rote Achtel (Ta) und (o) aufgeteilt. Das erste "Ta" wird angestossen, dann kommt als Mittelteil ein hochgezogenes rotes "i" gefolgt von dem "o" genau als würde man das Wort "Ta-i-o" oder eben "Tayaut" aussprechen. Das zweite nachfolgende Rubato hat wie oben auch ein prägnantes kurzes grünen Ta(tt).

Sie werden sehen könnnen dass diese Stellen sehr unterschiedlich  von vielen Bläsergruppen interpretiert wird und das ist auch gut so,

Tonbeispiel PF mit Tayaut auf der Viertel in 39/1

 

Dann nach einer synkopischen Glocke im Bass F-> pp

Ein Ruf verdient eine Antwort, hier ist es das Lento. Die erste Stimme ist völlig frei im Vortrag im ersten Lento und schwillt wieder ab. Im Bass wieder die Glocke 3 Schläge und dann zweite Ruf etwas mehr risoluto und das 2 Lento (Larghetto) diesmal mit Stopftönen.

 

Lento ist völlig frei im Vortrag, muss auf den Zuhörer wirken, Zeit lassen

Tonbeispiel 41_PF

 

Achtung: Bassuntermalung geht von f über pp bis ppp ist also dynamisch sehr differenziert.

Nach 3 heftigen Glocken (allegro energico) kommt dann strahlend das Imperioso mit Dynamik bis zum fff. Hier ist wieder Gruppendynamik angesagt: Tutti in der ersten Stimme und laut. Es imponieren an dieser Stelle heftige Roulés. Das Imperioso kann durchaus auch mit einem Hourvari begonnen werden.

 

              Imperioso

   Das Glissando am Anfang nennt man “Hourvari“, die Achtel werden als kräftige Roulés im ff ausgeführt. Imperioso bedeutet herrschaftlich, herrisch

Tonbeispiel 51_Pf

Am Ende das dritte Lento (morendo), solistisch, Stopftöne und Auflösung zur Tonika.

Takt 55 bis 63

2/4 Takt

Subito presto - Spendente. Die Sechzehntel sind rasante Auftakte hin zur punktierten Viertel, das könnte der Sinn des Taktwechsels sein. Im 6/8 würde man Roulés spielen, aber hier sind es Triolen, die sind festlicher, glänzender, wie ganz am Anfang des Stückes und enden auch mit einem Fanal mit heftigen rhythmischen Staccati im melodischen Bass.

Gruppendynamisch ein ff bis zum fff also „alle laut“, auch die zweiten Stimmen


Im Tonbeispiel roulieren allerdings beide die Triolen

56_DDP

56_PF

Takt 64 bis 80

Ab Takt 64 kommt wieder ein Ruf typischerweise mit Rubato und Roulé.

Die Passage beginnt mit allegretto steigert sich aber letztendlich bis zu presto bis Takt 86 das gleiche gilt für die Dynamik. Gruppendynamisch fängt die zweite als Solo an, dann kommt die erste dazu und zum Schluss der melodische Bass, die Musik wird also schneller, intensiver und dichter.

Stilistisch sind am Anfang einfache Roulés, die sich aber dann bald mit einigen Tayauts (ad libitum) ergänzen.

 


Das Mordentzeichen steht hier für Tayauts, sind aber fakultativ, selbst der DDP hat verschiedene Interpretationen. Höre das Tonbeispiel:

Tonbeispiel  63_PF

Tonbeispiel 68_DDP_TY

in diesem Beispiel hört man eine gefällige Tayautierung nach den absteigenden Bindungen.

Takt 80 bis 107

Hier in der Passage sind die Roulés in den absteigenden Achteln sowohl im Bass wie in der ersten Stimme sehr markant. Hört man genau hin stellt man fest das auch einige einige Tayauts z.B. Takt 86 eingebaut sind. Das entspricht der sprudelnd-energetischen Charakter eines Trionfale.

Am Anfang auch wieder Hourvari möglich. Das verzögert natürlich die punktierte Viertel etwas.

Tonbeispiel DDP 80_DDP_TY

Tonbeispiel PF 80_PF

Takt 107 bis 115

Danach wiederholt sich das Ganze im a tempo mit einzelnen Rufen, die trocken „sec“ enden und ganz am Ende mit einem stringenten, Feuerwerkfinale-artigen Schluss auf dem großem C Akkord über 3 Oktaven und am Ende wieder mit den beiden trockenen Böllerschüssen wie am Ende des ersten Teils abschließen. Ein deutliches Vibrato unterstreicht die Wirkung des Schlussakkordes und hilft auch, kleine Intonationsschwierigkeiten auszugleichen

Tonbeispiel DDP 108_DDP

 

Resümee

Nach all diesen Ausführungen werden Sie mir sicher zustimmen, dass Stücke wie „Chasses Eternelles“ einfach nicht für die konventionellen deutschen Bläserwettbewerbe geeignet sind. Der interpretatorische Spielraum ist einfach viel zu groß. Verzichtet man auf jegliche Interpretation und hält sich nur an das Notenbild, ist das Stück nicht mehr authentisch und nicht mehr richtig. Die Disziplinen „Notengerechtheit“ und „Klangkultur“ stehen sich gegenseitig kontraproduktiv im Weg.

Bläst eine Gruppe deutsch und notengerecht und erhält dafür 10 Punkte, müsste man für die fehlende Klangkultur und fehlende Berücksichtigung der Provenienz und Stilistik wieder 15 Punkte abziehen und umgekehrt.

Schon die kleinsten Rubati oder Roulés, geschweige denn die Tayautierung verstoßen unmittelbar gegen die Notengerechtheit, sollten aber unterbewusst im Musikverständnis des Bläsers sein. Außerdem wäre es für die Punkterichter fast unmöglich, eine allgemein reproduzierbare und gerechte Aussage zu machen. Es ist überhaupt die Frage, wie weit man die französische Stilistik überhaupt auf dem PF blasen kann. Es hängt natürlich auch von der Bauart des Instrumentes selbst viel ab, und da sind die Bläsergruppen sehr inhomogen aufgestellt, aber ich behaupte mal „es geht fast alles“. Es ist allerdings auch eine Frage des Geschmacks und dem des anwesenden Publikums, ob eine Gruppe mit einem Extremvibrato und ständiger Tayautierung imponiert, so dass selbst die ursprüngliche Melodie kaum mehr erkennbar ist, auch beim Zuhörer ankommt. Wie so oft, scheint die Wahrheit wohl in der Mitte zu liegen. Am Ende zählt doch immer der musikalische Gesamteindruck. Bleiben wir doch frei im Geiste und behalten den Spaß an unserer Jagdmusik und unseren Instrumenten.

Freundlichst Dr. Peter Neu


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